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Digitaler Piktorialismus

Digitaler Piktorialismus
FOTOGRAFIE ODER MALEREI?
Mechthild Großmann

„Der Unterschied zwischen Malerei und Fotografie hat demnach nichts mit der Scheinalternative `Nachahmung oder Gestaltung´ zu tun. Auf beiden Seiten finden sich schöpferisch belebte, d.h. gestaltete Abbildungen der Natur und Gestaltungen, die außerhalb jeder gegenständlichen Bindung stehen.“ Ernst Kallai

(Ernst Kallai: Malerei und Fotografie. In: Theorie der Fotografie. Bd. 2: 1912-1945. Hrsg. Von Wolfgang Kemp. München 1979. Zitiert in: Kleine Geschichte der Fotografie, Boris von Brauchitsch 2002/2018)

Seit dem Aufkommen der Fotografie als Medium der Dokumentation und genauen Wiedergabe äußerer Erscheinungsformen wurde kontrovers die Frage diskutiert, inwieweit die Fotografie der Malerei Konkurrenz bieten würde, oder sie sogar in Zukunft obsolet werden ließe, ob Fotografie eine Kunstform sei, oder werden könne, ob sie nur in der reinen Abbildung oder auch im Gestalterischen eine Daseinsberechtigung habe.

Im Piktorialismus des 19. Jahrhunderts (1869, Pictorial Effect in Photography, H. P.  Robinson) fand das Gestalterische seinen Höhepunkt, wurde dann aber von der Neuen Sachlichkeit (1923, G. f. Hartlaub) wieder verdrängt.

In der Gegenwart stehen uns wie in der Musik, der Bildenden Kunst und allen neuen Kunstformen alle Gestaltungsmittel gleichwertig parallel zur Verfügung und der Prozess der Entscheidung und Wahl der Stilrichtung ist zu einem Teil des künstlerischen Selbstausdrucks geworden. So kann man die Entstehung des „Digitalen Piktorialismus“ als logische Konsequenz der Emergenz aus den bestehenden Optionen verstehen, eine Renaissance im Sinne des Aufgreifens, Zitierens und doch Neu-Erschaffens einer eigenständigen Bildsprache. Viele zeitgenössische Fotografen haben sich einem digitalen Piktorialismus zugewandt – und doch: so wie es eine unendliche Vielfalt des Sehens, Wahrnehmens, „Sich-in die-Welt-Stellens“ gibt, so gibt es auch in dieser Kunstform keine wirkliche Wiederholung, kein identisches Aufgreifen von Motiven – Das Auge als Organ des Geistes ist frei!

Mögen noch viele ungewohnte Sichtweisen auf die Welt des Gewöhnlichen und ihre gestalterische Darstellung unsere Sinneswelt bereichern!